Effectuation: Neues in die Welt bringen mit Methode
doppel:punkt NEU 1/2011

Effectuation: Neues in die Welt bringen mit Methode

von Michael Faschingbauer
Was muss man tun, damit Neues in der Welt entsteht? Eine neue Dienstleistung oder ein Produkt, ein neues Geschäftsmodell oder ein neuer Trend? Muss man die große Chance suchen oder auf die brillante Idee warten?

Muss man zuerst ganz lange nachdenken, bevor man ins Handeln gehen kann? Braucht man von Anfang an ein klares Ziel? Und wenn nein, wie sonst bringt man etwas Neues in die Welt? Etwas, das man noch nicht kennt? Aus Situationen heraus, in denen sich die Zukunft letztlich nicht vorhersagen lässt, so sehr wir uns auch bemühen. Die Antworten auf diese Fragen unterscheiden sich dramatisch, je nachdem, wen man fragt.

Unternehmerische Persönlichkeit?
Fragt man erfolgreiche Unternehmer wie den Schokoladepapst Zotter oder die Freitag-Brüder, die mit ihren Taschen aus LKW-Planen und -Schläuchen auch das Straßenbild von Graz verändert haben, so hört man individuelle Lebensgeschichten. Die sind zwar spannend und oft motivierend aber kaum auf das eigene Handeln übertragbar. Eigentlich schade …
Schaut man in den Gründer- oder Innovations-Leitfaden oder fragt auf der Wirtschaftsuni nach, so heißt es: Nachdenken, analysieren, planen und - dann endlich – umsetzen (eine gute Idee vorausgesetzt). Wenn man kein klares Ziel hat, dann macht Handeln keinen Sinn. Man sollte dazu auch mutig, nein, risikofreudig sein und eine unternehmerische Persönlichkeit mitbringen. Macht Ihnen das Mut, loszulegen?

Handeln anstatt warten!
Ganz andere Antworten erhält man, wenn man nicht nachfragt, sondern ganz genau beobachtet. So geschehen in den wissenschaftlichen Untersuchungen einer ständig wachsenden Gruppe von Entrepreneurship-Forschern, die seit etwa 10 Jahren die Mythen über „so geht Neu“ gründlich durcheinanderwirbeln. Die Kurzfassung: Je erfahrener Menschen darin sind, Neues in die Welt zu bringen, desto eher nutzen sie intuitiv eine Methode, für die der Begriff Effectuation geprägt wurde: Sie verzichten darauf, eine nicht vorhersehbare Zukunft vorhersagen zu wollen, kümmern sich kaum um Prognosen und entwickeln ihre Ziele im Handeln. Sie starten bei dem, wer sie sind, was sie wissen und wen sie kennen und gehen los. Anstatt zu warten, bis sie die Idee wie ein Blitz trifft, beginnen sie das Machbare zu tun. Sie starten lokal und kooperieren mit denen, die mitmachen wollen. Und, ganz wesentlich: sie riskieren nicht viel. Sie setzen nur das ein, was sie zu verlieren bereit sind. Wegweiser unterwegs: Wechselnde äußere Umstände, Zufälle und mitunter gerade die Dinge, die schief gehen oder nicht nach Plan laufen. Kommt Ihnen das bekannt vor? Macht Ihnen das mehr Mut, loszugehen?

Effectuation-Prinzipien für Einsteiger

  1. Mittelorientierung: Beginnen Sie bei den vorhandenen Mitteln – wer Sie sind, was Sie wissen und wen Sie kennen – nicht bei „mythischen Zielen“.
  2. Leistbarer Verlust: Orientieren Sie Ihren Einsatz daran, was Sie zu verlieren bereit sind – und nicht am erwarteten Ertrag.
  3. Umstände und Zufälle: Nutzen Sie Umstände, Zufälle und Unvorhergesehenes als Gelegenheit, anstatt sich dagegen abzugrenzen.
  4. Vereinbarungen und Partnerschaften: Treffen Sie Vereinbarungen und bilden Sie Partnerschaften mit denen, die mitzumachen bereit sind, anstatt sich abzugrenzen oder nach den „richtigen“ Partnern zu suchen.

Jeder von uns kann handeln, wie es die Forschung als Effectuation beschreibt. Machen Sie den Test: Denken Sie an einen beliebigen Lebensbereich – Beruf, Partnerschaft, Freundeskreis – und fragen Sie sich: „Ist das, was mich heute in diesem Bereich ausmacht, nur das Ergebnis von klaren Zielen, die ich gesetzt und konsequent verfolgt habe?“ Wenn nein, dann haben Sie wahrscheinlich Effectuation angewendet. Davon lässt sich keine Erfolgsgarantie ableiten, aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Neues in die Welt kommt, ohne dass Sie dafür Kopf und Kragen riskieren müssen. Hat was, oder?

Ein passender Mix
Spätestens jetzt sollten wir eins klarstellen: Es geht hier nicht darum, die Methode Effectuation gegen die klassische Methode à la Gründer- oder Innovationsleitfaden auszuspielen. Ganz im Gegenteil – wir brauchen in der Regel einen passenden Mix aus beidem, um etwas Neues in die Welt zu bringen. Das, was Leitfäden und Wirtschaftsunis sagen, hat sich jedoch tief in unser kollektives Bewusstsein eingebrannt. Wann immer Sie also davon abgehen und stattdessen intuitiv nach Effectuation handeln kann es sein, dass Sie das Gefühl bekommen, Sie wurschteln, pardon, Sie handeln nicht professionell. Das ist nicht notwendig. Auf Basis von vorläufigen Zielen loszugehen und mit dem was da ist zu arbeiten ist hochprofessionell, wenn Sie etwas Neues in die Welt bringen wollen aber eben noch nicht sagen können, was genau oder wie genau. Oder wenn sich von Ihrer Idee durch Nachdenken oder Analysieren einfach nicht sagen lässt, ob sie gut ist. Oder wenn Sie durch Nachdenken einfach nicht vom Fleck kommen und sich bewegen müssten, damit Sie um die nächste Ecke sehen können. Oft wartet gerade dort das Neue.

Literatur:
Faschingbauer, M. (2010): Effectuation: Wie erfolgreiche Unternehmer denken, entscheiden und handeln; Schäffer-Poeschel, Stuttgart
Aktuelle Workshop-Termine und ausführliche Info zum Thema: www.effectuation.at

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Michael Faschingbauer, MBA, ist Unternehmensberater, Trainer und Coach mit Büros in Graz und Wien. Sein Buch „Effectuation. Wie erfolgreiche Unternehmer denken, entscheiden und handeln.“ wurde als „Managementbuch des Jahres 2010“ ausgezeichnet. Kontakt: office@faschingbauer.at