Home and Office
doppel:punkt NEU 3/2010

Home and Office

von Mag. Monika Kräftner
„Hast du kurz Zeit für mich?“ fragt mich meine beste Freundin. Seit Tagen arbeite ich an einem Werbetext, seit Tagen stecke ich fest. Ihr Anruf holt mich aus einer verzweifelten Situation, wo ohnehin jede Ablenkung willkommen ist.

Das schlechte Gewissen spare ich mir, schließlich handelt es sich um die „beste“ Freundin, das ist Rechtfertigung genug. Als sie mir eröffnet, dass sie sich nicht entscheiden könne, ob sie im kommenden Sommer nach Berlin oder Barcelona fahren soll, tut mir das auch gleich wieder leid. Wir haben November, die Entscheidung drängt nicht und überhaupt kann es mir egal sein, denn ich fahre ja nicht mit. Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis ich wieder dort anknüpfen kann, wo ich aufgehört habe und male mir bereits die Konsequenzen eines versäumten Termins aus.
Ich bin selbständig und mein Arbeitsplatz ist mein Zuhause und umgekehrt. Beides teile ich mit Kindern und Mann. „Da kannst du dir deine Zeit ja selbst einteilen!“ höre ich die begeisterten Kommentare. Und genau da liegt das Problem. Ich allein bin dafür verantwortlich, was am Ende des Tages dabei herauskommt.
Im Home-Office zu arbeiten bietet eine Reihe von Vorteilen. Ich spare Fahrzeit, Geld und Ärger seit ich nicht mehr täglich mit dem Auto zwei Stunden pendle. Und ja, natürlich bin ich flexibler, wenn es um die Betreuung der Kinder geht. Ich schätze den Blick aus meinem Bürofenster zu jeder Jahreszeit und wenn gar nichts mehr geht, gehe ich – nämlich hinaus, schließlich bin ich mein eigener Chef.
Auf der anderen Seite fehlt mir in meiner freiwillig gewählten Einsamkeit der Erfahrungsaustausch mit Kollegen. Skype und ähnliche Tools sind ein wichtiger Ersatz, das gemeinsame Erleben ersetzt es nicht. Dazu kommt, dass Arbeit in so angenehmem Umfeld Akzeptanzprobleme hat. Als ein Kunde mich erstaunt fragte, „Sie machen das also gar nicht als Hobby?“, hat mir das zu denken gegeben. Ähnlich ist es bei Familie und Freunden. Sie sehen mein Auto vor der Tür und schauen „kurz“ vorbei, schließlich bin ich ja zuhause.
Arbeits- und Privatleben unter einen Hut zu bekommen, ist immer eine Herausforderung. Wenn man aber wie ich durchschnittlich diszipliniert ist und im Home Office arbeitet bekommt das eine eigene Qualität. Viel habe ich im täglichen Ringen der vergangenen Jahre ausprobiert, manches gleich wieder vergessen. Einiges habe ich verinnerlicht:
• Arbeit und Schnaps
Wenn ich mich nicht aufraffen kann, liegt es manchmal daran, dass meine Umgebung mir zu viel Bequemlichkeit suggeriert. Ohne konsequente Trennung zwischen Arbeit und Privat geht es nicht. Arbeit muss nach Arbeit aussehen. Ich sitze nicht im Pyjama vor dem Computer und empfange Kunden, Lieferanten und Partner nicht in Hausschuhen. Ich verlange auch von keinem, dass er seine Schuhe auszieht. Was würde das über die zukünftige Geschäftsbeziehung aussagen?

• Arbeit und Platz
Mein Büro ist in einem eigenen Zimmer untergebracht. Ich kann die Türe schließen und das Chaos aussperren. Es ist meins und die Akzeptanz innerhalb der Familie nimmt laufend zu, wenngleich ich noch immer Dinge (Kindersocken, Gameboy-Spiele, Aufgabenhefte) auf meinem Schreibtisch finde, die nichts mit meiner Arbeit zu tun haben. Das ist Erziehungsarbeit, auch und vor allem an mir selbst. Es hängt davon ab, welchen Stellenwert ich meiner Arbeit gebe und was ich anderen vermittle. Das ist umso wichtiger, wenn man sich den Raum teilen muss.
• Freiheit und Strukturen
Sich selbst die Zeit einteilen zu können ist Segen und Fluch. Ich bin zwischen 6 und 9 Uhr morgens besonders produktiv. Nachmittags ab 15.00 Uhr geht wenig und nach 18.00 Uhr gar nichts mehr. Seit ich das berücksichtige, bin ich weniger gestresst. Es gibt „Geschäftszeiten“, die die Arbeitszeit vom Privatleben trennt. Dadurch schalte ich leichter ab, bin nicht mehr zerrissen und akzeptiere Störungen nicht leichtfertig.
• Selbst organisiert
Jeder Mensch kann selbst über das Maß an Planung bestimmen, das ihm guttut. Bei mir reichen Planungen selten über die nächsten zwei bis drei Wochen hinaus. Allerdings bin ich sehr genau bei meiner Tagesplanung. Mehrere Systeme habe ich ausprobiert und nach wenigen Tagen wieder aufgegeben. Geblieben ist das einfache Modell von Timothy Ferriss (nachzulesen in seinem Buch „Die 4-Stunden Woche“), das ich für meine Zwecke angepasst habe. Ich verwende es gerne und konsequent, denn ohne Planung gehe ich in keinen Arbeitstag.
Manches wir zur Routine werden und läuft automatisiert ab. Z.B. lade ich Mails nicht automatisch herunter, sondern entscheide selbst über den Zeitpunkt, wann ich sie „herein lasse“. Anfangs musste ich mich dazu zwingen, jetzt kann ich es mir nicht mehr anders vorstellen.
• Innere Schweinehunde und Energieräuber
Klar, es gibt Dinge, die ich nicht erledigen will und aufschiebe. Weil sie unwichtig, langweilig oder aus unterschiedlichen Gründen mit unangenehmen Gefühlen verbunden sind. Es ist gar nicht gut, wenn solche Dinge überhand nehmen. Sie lassen kaum Energie für das, was Freude bereitet. Dann heißt es, die Gunst der Stunde nutzen. Es gibt tatsächlich Phasen in denen man gerne aufräumt. Manchmal reicht es aus, ohne große Ziele einfach zu beginnen und das Eis ist gebrochen. Sei es auch nur deshalb, weil man etwas anderes dafür aufschieben kann. Da hat jeder seine Strategien, Sascha Lobo und Kathrin Passig haben sie bestens in ihrem Buch „Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin“ im Selbstversuch erforscht und beschrieben.
Es drängt sich die Frage auf, warum nicht ein Büro mieten? Weil ich die laufenden Verpflichtungen noch nicht verlässlich erfüllen kann. Es gibt aber Lösungen für Menschen wie mich. Primawera etwa bietet Büros, die für flexible Zeiträume, tage-, wochen- oder monatsweise genutzt werden können.
Übrigens, meiner eingangs erwähnten Freundin bin ich letztlich dankbar. Schließlich hat sie mir die Idee zu diesem Artikel geliefert. Arbeit und Privat fließen ja doch immer wieder zusammen.

Literaturhinweise:
Kathrin Passig und Sascha Lobo: Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin, Rowohlt, 2008
Timothy Ferriss: Die 4-Stunden Woche. Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben, Econ 2008

Mag. Monika Kräftner
Freiweg | Agentur für Kommunikation und Gestaltung
www.freiweg.at