Bedenkenlos konsumieren?
Die Chronologie der Ereignisse
Die erste Meldung über schwere Durchfallerkrankungen in Deutschland kam Ende Mai. Sie wurden vom aggressiven EHEC-Keim Serotyp 0104:H4 verursacht . Es begann eine hektische Suche nach der Infektionsquelle. Waren es zuerst spanische Gurken so standen später auch Tomaten und Salat kurz unter Verdacht. Schließlich waren Sprossen eines Bio-Hofs in Bienenbüttel die Verursacher. Wie die Erreger auf die Sprossen kamen, ist noch nicht eindeutig geklärt, denn der betroffene Betrieb hatte die sehr hohen Hygienestandards und alle gesetzlichen Vorschriften in der Produktion eingehalten. Bislang hat der Erreger in Deutschland 39 Menschen das Leben gekostet.
Was ist EHEC?
EHEC steht für Enterohämorrhagische Escherichia Coli-Bakterien. Es handelt sich dabei um eine Sonderform der überwiegend nützlichen Coli-Bakterien. Diese kommen im Darm vor, spalten Nährstoffe und wehren Krankheitserreger ab. Unter EHEC werden verschiedene Varianten und bei diesen wiederum mehrere Untergruppen (Serovare) zusammengefasst.
Der natürliche Boden der EHEC-Bakterien ist der Darm von Wiederkäuern, insbesondere Rindern, und kommt somit im Tierkot vor. Beim Menschen allerdings setzen sie im Darm einen Giftstoff namens Shigatoxin frei, der lebensbedrohliche Erkrankungen auslösen kann. Die schwerwiegendste Komplikation ist das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS – verursacht schwere Nierenschäden), das bei etwa 5-10% der EHEC-Infektionen auftritt.
EHEC-Infektionen kommen immer wieder vor. Jener Bakterienstamm, der in Deutschland zu der Erkrankungswelle geführt hat, gehört dem Serotyp 0104:H4 an. Das Besondere an diesem neuen Keim ist, dass er ein Gen aufweist, das normalerweise auf EHEC-Erregern nicht anzutreffen ist, sondern einem anderen Stamm von Escheria Coli-Bakterien angehört. Bisher hat es außerhalb Deutschlands keine Fälle mit dem EHEC-Keim des Serotyps 0104:H4 gegeben.
In Österreich sind alle EHEC-Erkrankungen bei der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit in Graz zu melden, sie fungiert als Nationale Referenzzentrale. Dort werden Bakterienstämme näher untersucht, um die Häufung von Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und die Infektionsquelle zu ermitteln. Durch Hygiene- und Überwachungsmaßnahmen im Tierbestand, auf Schlachthöfen, in Lebensmittelbetrieben und in privaten Haushalten sind jedoch die Infektionen in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen.
Sicherheit bei Lebensmitteln in Österreich
Österreich hat eines der strengsten Lebensmittelgesetze in Europa. Vom Landwirt über die Verarbeitung in der Lebensmittelindustrie bis hin zum Verkauf gibt es eine Reihe von Prüfungen und Untersuchungen. Bio-Betriebe werden mindestens einmal jährlich kontrolliert und müssen nachweisen, dass sie in der Produktion die Bio-Anforderungen bezüglich Anbau, Düngung-, Pflanzenschutz und Schädlingsbekämpfung einhalten.
Betriebe, die konventionelles Gemüse erzeugen, selbst oder über einen Vermarktungsbetrieb an den Lebensmittelhandel liefern, unterliegen zudem der Kontrolle der AMA und „Global Gap“, einem Standard, der strenge Anforderungen an die Produktion von Obst und Gemüse stellt. Das betrifft sowohl den Anbau als auch die Verwendung von Herbiziden und Pestiziden.
Alle lebensmittelverarbeitenden Betriebe müssen in Österreich strenge Auflagen nach HACCP (Hazard Analysis Critical Control Point) im Rahmen des Codex Alimentarius erfüllen. Solche Betriebe, die an den Handel liefern, müssen zusätzlich nach verschiedenen privatrechtlichen Standards, wie IFS – International Food Standard, BRC – British Retail Concortium, etc. zertifiziert sein. Das bedeutet jährliche Überprüfung durch externe, staatlich akkreditierte Prüfstellen zusätzlich zu den laufenden Kontrollen der staatlichen Lebensmittelbehörde.
Dennoch gibt es keine 100%ige Sicherheit, Fehler können immer passieren. Die angegebenen Kontrollen sind aber gute Mittel sie zu vermeiden und verhindern zumindest eine Wiederholung.
Die Folgen der „Gemüsekrise“
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Gemüsekrise kennen wir: Landwirte und Gemüsehändler blieben auf Gurken, Tomaten und teilweise Salat sitzen – aber nicht nur in Spanien. Die österreichischen Konsumenten boykottierten auch heimisches Gemüse, obwohl während der gesamten Krise trotz verschärfter Prüfbedingungen keine Keime des gefährlichen Erregers nachgewiesen wurden.
Es stellt sich die Frage, worauf Konsumenten beim Einkauf wirklich achten? Glaubt man Marktstudien, so spielt heimische und regionale Herkunft eine immer stärkere Rolle. Aber wo waren diese Konsumenten während der Gemüsekrise? Ist diese Gattung Konsument vielleicht doch nur eine Erfindung der Marktforschung? Sind wir von der allgegenwärtigen Gemüse- und Obstvielfalt zu jeder Jahreszeit so verwöhnt, dass wir gar nicht mehr wissen, wann und was bei uns in Österreich wächst?
Mit der Krise wurde auch Bio grundsätzlich in Verruf gebracht, denn die Gurken aus Spanien waren angeblich aus Bioproduktion. Plötzlich wurde laut ausgesprochen, was schon viele dachten: Warum wird in österreichischen Bioläden überhaupt Gemüse aus anderen Ländern verkauft? Der Inhaber des Bioladens räumte ein, dass der konventionelle Markt es vormache, dass fast jedes Gemüse das ganze Jahr über erhältlich ist. Darauf wollen auch die BIO-Konsumenten nicht verzichten. Wo bleibt in diesem Zusammenhang der ökologische Fußabdruck, der so oft in den Mund genommen wird?
Der Konsument und seine Verantwortung
Es gibt genügend heimisches Gemüse zu jeder Jahreszeit. Vergessen wir nicht, dass jene Lebensmittel, die bei uns heimisch und an unser Klima angepasst sind, genau die Inhaltsstoffe enthalten, die unser Organismus braucht. Die Natur ist bei der Bereitstellung von spezifischen Pflanzen in bestimmten Klimazonen sehr klug vorgegangen.
Unsere Verantwortung als Konsumenten liegt im bewussten Einkauf. Das Kaufverhalten jedes Einzelnen bestimmt, was in den Regalen liegt. Wer nicht kritiklos kauft, was im Handel gerade angeboten wird, muss allerdings seine Bequemlichkeit opfern. Konkret heißt das:
- Etiketten lesen - sie zeigen Herkunft und Inhaltsstoffe an.
- Sich informieren - welche Lebensmittel haben zu welcher Jahreszeit Saison
- Sich mit den Inhaltsstoffen und Zusatzstoffen der Lebensmittel grundlegend und kritisch auseinandersetzen.
Es gibt außerhalb der großen Lebensmittelketten Anbieter, die auf ein regionales Sortiment - auch in Bio-Qualität - zu fairen Preisen spezialisiert sind, beispielsweise der Bioladen Matzer in Graz, der bereits seit den 70iger Jahren Bio-Gemüse und regionale Angebote führt. Wer es bequem liebt, kann eine „Frischebox“ mit regionalen Bio-Lebensmitteln über das Internet bestellen. So gesehen und erlebt beim Frischehof in Leibnitz - übrigens einer der Lebensmittelpartner der Plattform LQ-for you!